Facetten

Welche Facetten hat der Sport?

Schiesssport hat viele Gesichter, doch die Wenigsten davon sind wirklich bekannt. Biathlon dürfte der bekannteste und auch populärste Vertreter des Schiesssportes sein – jedes Jahr sitzen Millionen von Menschen vor ihren Fernsehern und fiebern mit, wenn Sportler_innen unmittelbar nach körperlicher Extrembelastung auf ihren Langlaufski innehalten und fokussiert mit ihrem Kleinkalibergewehr eine zweite Höchstleistung abliefern. Die Zuschauer_innen staunen über die Leistungsfähigkeit der Athlet_innen  bei dieser Kombination, und die Medienlandschaft freut sich dabei über äußerst hohe Einschaltquoten, wie zum Beispiel der Focus in diesem Artikel berichtete. Die Sportgeräte sind Langlaufski auf der einen Seite, und ein Kleinkalibergewehr auf der anderen Seite, mit denen die zwei Facetten Ausdauer und Präzision beim Biathlon vereint werden.

Entfernt man in Gedanken die Komponente Ausdauer, dann bleibt die Grundlage für das sportliche Schiessen: Präzision. Kaum ein Schuss wird ein Treffer, wenn es an Präzision mangelt. Das spiegelt sich in allen Disziplinen wieder, in denen etwas verhältnismäßig Kleines auf verhältnismäßig große Entfernung getroffen werden muss. Das klingt zwar logisch und naheliegend, wenn man es vom Schiesssport loslöst und an Sportarten wie Snooker, Pétanque und Golf denkt, wird aber insbesondere beim Schiesssport nicht immer so empfunden. Im Gegenteil: Die schönen Facetten des Schiesssportes rücken in den Hintergrund. Der Grund dafür liegt auf der Hand: Weil die Sportgeräte beim Schiesssport auch Waffen sind und sich als Solche – ohne Sarkasmus sondern mit ironischer Untertreibung in der Formulierung – nachvollziehbarer Weise nicht immer unmittelbar größter Beliebtheit erfreuen. Waffen können Schaden anrichten, leider, und das ist ein Problem, welches dem Schiesssport anhaftet. Daher muss eine Besprechung der Facetten des Schiesssportes immer auch denjenigen Anteil enthalten, in dem es um das eigenverantwortliche Handeln geht. Ohne das Bewusstsein für die potentiellen Gefahren des eigenen Sportgerätes kann Schiesssport nicht sicher ausgeübt werden. Das betrifft nicht nur Amateure, sondern auch Profi-Sportler_innen, wie zum Beispiel in diesem Artikel der Frankfurter Allgemeine Zeitung beschrieben wurde. Die innere Auseinandersetzung mit den Gefahren des Schiesssportes ist ein wichtiger Prozess beim Erlernen dieses Sportes. Wenn während dieser inneren Auseinandersetzung durch Aneignung von Fachwissen die Angst vor den potentiellen Gefahren ersetzt wird durch Respekt vor den Risiken sowie Achtsamkeit im Umgang mit den Sportgeräten, ist die Grundlage geschaffen, um Schiesssport sicher ausüben zu können. Dabei entsteht gedanklicher Freiraum, um sich neben der Facette des eigenverantwortlichen Handelns mit weiteren Facetten des Sportes auseinander zu setzten – wie zum Beispiel mit der eingangs erwähnten Präzision.

Eine andere sehr bekannte Disziplin des Schiesssportes ist das Tontaubenschiessen. Dabei kommt es nicht nur auf Präzision an, sondern auch auf Geschwindigkeit: Die Sportler_innen müssen die durch die Luft fliegende Tontaube visuell erfassen, sich und ihre Schrotflinte entsprechend der Flugbahn der Tontaube ausrichten, und einen Schuss abgeben ohne die Flinte durch zu schnelles Ziehen am Abzug zu verreißen. Das stellt insgesamt eine höchst komplexe Anforderung an die Sportler_innen dar. Stellen Sie sich vor, Sie müssten beim Minigolf ein sich bewegendes Loch, beim Basketball einen sich bewegenden Korb oder beim Dart eine sich bewegende Scheibe treffen. Klingt schwierig? Ist es auch. Ein Wurf und ein Schuss werden nur ein Treffer, wenn alle einzelnen Phasen der Bewegungen korrekt ausgeführt werden. Der Begriff Geschwindigkeit kann also unterteilt werden in die Facetten Reaktionsgeschwindigkeit, Hand-Auge-Koordination und allgemeine motorische Fähigkeiten. Eine besondere Bedeutung hat nicht nur beim Tontaubenschiessen sondern in allen Disziplinen des Schiesssportes die Auslösung des Schusses. Dabei kommt es neben den allgemeinen motorischen Fähigkeiten insbesondere auf eine weitere Facette an: Feingefühl am Abzug. Der Druck auf den Abzug muss mit dem Zeigefinger erhöht werden bis der Schuss bricht, während mit dem Rest der Hand und des Körpers keine Bewegung durchgeführt wird, die einen Verlust der Ausrichtung auf das Ziel erzeugen würde. Für das Feingefühl am Abzug ist schlussendlich die innere Ruhe der Sportler_innen verantwortlich. Damit sind wir bei der vielleicht wichtigsten Facette des Schiesssportes.

Die innere Ruhe ist entscheidend für Präzision eines Schusses. Beim Bogenschiessen meint man, den Sportler_innen den Zustand des nach innen gerichteten Blickes und der Achtsamkeit für jeden Teil des Körpers und jede Bewegung geradezu ansehen zu können. Das liegt in der Natur des Bogensportes – der Eleganz des Sportgerätes sowie der Art der Bewegungen und deren Ausführung. Nicht umsonst wird der Bogensport zur Entspannung, und Stressbewältigung eingesetzt. Bogenschiessen unterscheidet sich vom Schiesssport wie wir ihn ausüben im Grunde nur in einem Punkt: Dem Sportgerät. Schon beim Beginn eines Trainings, egal ob mit Pistole oder Gewehr, wandert der Blick weg vom Alltag und der entfernten Umgebung mit all seinen Stressfaktoren. Da ist zunächst der Ort des Trainings, der in den Vordergrund rückt, mit seiner typischen Geräuschkulisse im Wald. Eine Zielscheibe wird benötigt, aufgebaut, aus der Nähe betrachtet – das ist mein Ziel für die nächste Zeit. Diese Zeit ist für dieses Ziel reserviert. Dann wird die Ausrüstung ausgepackt: Schutz für Ohren und Augen, Munition, und schließlich die Waffe mit ihrem bekannten Aussehen und Gewicht. Typische Gedanken kommen und gehen: Was habe ich letztes Mal beim Training geschafft? Was hat nicht geklappt? Was hat gut geklappt? Was möchte ich heute schaffen? Woran möchte ich arbeiten? Die Waffe vor dem ersten Schuss zu laden ist meist nur Routine mit einem Hauch von nervöser Vorfreude. Wie wird der erste Schuss? Der Zweite? Der Blick wandert dann weiter nach innen. Wie ist meine Körperhaltung – ist sie richtig? Fühl es sich anders an als letztes Mal? Warum? Dann kommt das Atmen, die Körperspannung, das Ausrichten der Waffe, Zielen, Innehalten, und dann der erste Schuss, gefolgt vom Ausatmen und Entspannung. Mit jedem Schuss wird der Stand sicherer, die Arbeit der Muskeln dosierter und die Balance zwischen Anspannung und Entspannung größer. Bei manchen Disziplinen hat man für 10 Schuss 10 Minuten Zeit, bei anderen Disziplinen gerade mal 10 Sekunden für 5 Schuss, und in einigen Disziplinen werden von geübten Sportler_innen 5 Schuss in weniger als 5 Sekunden abgegeben. Allerdings kann bei keiner Disziplin die Qualität eines Trainings an der Anzahl der abgegebenen Schüsse gemessen werden. Wichtig ist, wie sehr man sich im Hier und Jetzt befindet. Liegt der Fokus im Körper, bei der Atmung und dem Zeigefinger am Abzug? Oder machen sich stressige Gedanken des Alltags im Kopf breit? Mit etwas Übung schafft man es, diese stressigen Gedanken freundlich vor die Tür zu setzen – sie müssen leider draußen warten, bis das Training vorbei ist. Natürlich zählt auch die erzielte Leistung, die an der Zielscheibe abzulesen ist. Einzelne verrissene Schüsse zeugen von erzwungenen Schüssen und falscher Körperspannung, und ein gutes Gesamtergebnis davon, dass man nicht nur die Mitte der Zielscheibe getroffen, sondern auch seine eigene Mitte wenigstens für diese Trainingseinheit gefunden hat.

Schiesssport hat noch weitere schöne Facetten – vielleicht werden wir diese Seite bei Gelegenheit ergänzen.